Erklärung | Lebensmittelsicherheit und Gesunde Ernährung

food2018

Erklärung der Tagung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften 

und

Global Alliance for Improved Nutrition (GAIN)

Vatikan, 12.-13. September 2018

Diese Erklärung basiert auf den Präsentationen und Ergebnissen eines Treffens globaler Experten für Lebensmittelsicherheit und Ernährung, das von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit der Global Alliance for Improved Nutrition (GAIN) einberufen wurde und im Vatikan vom 12. bis 13. September 2018 abgehalten wurde. Die Hauptziele des Workshops waren die Galvanisierung neuer Ansätze für Lebensmittelsicherheit und zum Konsum gesunder Lebensmittel im Rahmen der umfassenderen Agenda der verbesserten Ernährungssicherheit zur Unterstützung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Zudem ging es um Austausch neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und Innovationen sowie die Entwicklung von Empfehlungen – mit Schwerpunkt auf Ernährungssystemen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen – in Vorbereitung auf eine Reihe von globalen Treffen von FAO und WHO in Zusammenarbeit mit anderen Partnern zum Thema der Lebensmittelsicherheit im Jahr 2019. An dem Workshop nahmen führende Wissenschaftler, hochrangige Regierungsvertreter, Führungskräfte der Wirtschaft und Glaubensvertreter sowie hochrangige Mitarbeiter der Vereinten Nationen und der Weltbank teil.

Wir, die untenstehenden Unterzeichner, bekunden unsere persönliche Unterstützung für diese Erklärung.

Lebensmittelsicherheit und gesunde Ernährung

Unser Ausgangspunkt ist, dass alle Menschen – insbesondere auch die Armen und Schwächsten – Zugang zu sicheren, erschwinglichen und nahrhaften Lebensmitteln haben sollten. Dies ist für die Erhaltung des Lebens und der Menschenwürde von grundlegender Bedeutung und ein wesentliches Menschenrecht. Eine ungesunde Ernährung ist heute weltweit der bedeutsamste Risikofaktor für Krankheiten und ist laut der aktuellen Global Burden of Disease Study mit einem von fünf jährlichen Todesfällen assoziiert. Eine gesunde Ernährung ist ein Konzept, das sichere Lebensmittel beinhaltet, aber darüber hinausgeht.

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) erkennen an, dass eine verbesserte Ernährung ein zentraler Treiber für die gesamte menschliche Entwicklung ist. Mangelernährung ist ein komplexes und dynamisches Phänomen mit unterschiedlichen, sich aber oft überschneidenden Ausprägungen: von Hunger und Stunting (Kleinwüchsigkeit) über Mikronährstoffmangel bis hin zu Übergewicht und Fettleibigkeit.

Die jüngsten Fortschritte bei der Bekämpfung dieser Formen der Mangelernährung sind gemischt. So wurde beispielsweise Stunting reduziert und die Überlebenschancen für Kinder erhöht, wobei jedoch beide Werte inakzeptabel hoch bzw. niedrig bleiben. Obendrein stieg in den vergangenen Jahren die Zahl der Hungernden auf der Welt von 777 Millionen im Jahr 2015 auf 821 Millionen – gleichzeitig wird geschätzt, dass ein Drittel der jährlich produzierten Lebensmittel verloren ging oder verschwendet wurde. Wir stehen auch vor großen Herausforderungen bei der Bekämpfung des Mikronährstoffmangels, der etwa zwei Milliarden Männern, Frauen und Kindern Schaden zufügen kann – oft mit irreversiblen gesundheitlichen Folgen. Weltweit nimmt die Adipositas zu, deren Prävalenz sich zwischen den Jahren 1975 und 2016 auf mehr als 800 Millionen Menschen beinahe verdreifacht hat. Dies ist nicht nur ein Phänomen in einkommensstarken, urbanen Schichten, sondern wirkt sich zunehmend auch auf niedrigere Einkommensgruppen und die ländliche Bevölkerung aus. Insgesamt belastet das Ernährungssystem überdies die Umwelt enorm, da es wesentlich zur Entwaldung, Luft- und Wasserverschmutzung sowie zum Klimawandel beiträgt. Hohe Mengen an Lebensmittelabfällen sowie Quantitäts- und Qualitätsverluste von Nahrungsmitteln sind Teil dieses ökologischen Fußabdrucks und tragen deutlich zur Mangelernährung bei.

Lebensmittelsicherheit ist eine vernachlässigte Dimension der Herausforderung, die die Lebensmittel- und Ernährungssicherheit darstellen, und es bedarf einer mutigen Führung auf globaler und nationaler Ebene, um ihr die notwendige politische Aufmerksamkeit und Ressourcen zu widmen. Die Lebensmittelsicherheit ist eng mit der Gesundheit verbunden, da Milliarden von Menschen potenziell schädlichen Viren, Bakterien, Parasiten, Toxinen und Schwermetallen in ihren Lebensmitteln ausgesetzt sind. Mindestens jeder Zehnte leidet unter dem Verzehr unsicherer Lebensmittel [2]. Bessere Lebensmittelsicherheit kann in die Verbesserung der Produktivität, der Zugänglichkeit von Lebensmitteln und der Erschwinglichkeit von nahrhaften Lebensmitteln einbezogen und mit ihr verknüpft werden, wenngleich wir wissen, dass einige der nahrhaftesten Lebensmittel (tierische Erzeugnisse sowie Frischobst und -gemüse) die riskantesten sein können, während einige der am wenigsten nahrhaften Lebensmittel (Öl, Zucker, Salz, hochverarbeitete Lebensmittel) weniger wahrscheinliche Vehikel für durch Lebensmittel übertragene Krankheiten sind.

Lebensmittelunsicherheit und Mangelernährung müssen gemeinsam angegangen werden. Der Anstieg der ernährungsbedingten nichtübertragbaren Krankheiten (NCDs) als Mitverursacher der Krankheitslast zeigt, dass gesunde Ernährung den Konsum sicherer Lebensmittel sowie den Konsum dieser Lebensmittel in angemessenen Nährstoffzusammensetzungen erfordert.

Wichtigste Erkenntnisse

Im Workshop wurden Schlüsselkonzepte wie "Was ist eine gesunde Ernährung?" geklärt. Eine sichere und gesunde Ernährung enthält die entsprechenden Mengen an Nährstoffen, die erforderlich sind, um alle physiologischen Anforderungen in Übereinstimmung mit dem Alter und der Lebensphase zu erfüllen und nicht zu überschreiten, und enthält keine schädlichen Stoffen in Mengen, die Gesundheitsrisiken verursachen können, wenn sie über die zulässigen Höchstgrenzen hinausgehen. Die tatsächliche Zusammenstellung von Lebensmitteln sowie die zur Erfüllung dieser Anforderungen erforderlichen Maßnahmen zur Lebensmittelsicherheit und -qualität variieren natürlich je nach nationalem und kulturellem Kontext, aber das Wesen einer gesunden Ernährung ist universell.

Dieser Workshop über Lebensmittelsicherheit und gesunde Ernährung untersuchte praktische Maßnahmen zur Bewältigung dieser Probleme, um die Welt besser zu ernähren, und betonte die Vorteile der auf Bedürfnisse der Menschen zentrierten Ernährungssysteme für die globale Nachhaltigkeit. Die Teilnehmer setzten sich für transformative Veränderungen in den Ernährungssystemen ein, um Gesundheit und Ernährung durch den Zugang zu sichereren und qualitativ hochwertigeren Lebensmitteln für alle zu verbessern. Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Agenda für nachhaltige Entwicklung von 2030 und der UN-Dekade für Ernährungsfragen (2016-2025).

Der Workshop beschäftigte sich mit den Erkenntnissen und verwandten Schlüsselthemen: den häufigsten Herausforderungen der Lebensmittelsicherheit entlang der Lieferketten, den Nachernteverlusten und der Verschwendung von Lebensmitteln sowie der doppelten Belastung durch Mangelernährung. Diese Themen wurden mit einem interdisziplinären Blickwinkel untersucht, der ernährungs- und gesundheitspolitische Perspektiven kombiniert und neueste Technologien, Innovationen und modernste Lösungen präsentiert.

Teilnehmer aus Regierung, Privatsektor, Wissenschaft, UN-Einrichtungen und Zivilgesellschaft betonten insbesondere:

-      Die dreifache Herausforderung von Lebensmittelsicherheit, Ernährungssicherheit und Nachhaltigkeit erfordert umfassende Partnerschaften zwischen Regierungen, dem Privatsektor, der Wissenschaft, der Zivilgesellschaft und den Verbrauchern. Es gibt zahlreiche Herausforderungen im Bereich der Lebensmittelsicherheit in allen Lebensmittelversorgungsketten, von der Produktion über die Ernte, den Transport, die Verarbeitung, die Lagerung, die Herstellung und den Vertrieb bis hin zum Endverbraucher. Darüber hinaus werden Veränderungen der globalen Umwelt (steigende Temperaturen, veränderte Wasserressourcen und andere Umweltstressoren) zusätzlichen und bisher zahlenmäßig noch relativ unbezifferten Druck auf die Ernährungssysteme ausüben.

-      Die wissenschaftliche Grundlage für Lebensmittelsicherheit und gesunde Ernährung muss gestärkt werden. Die Betonung der Lebensmittelsicherheit in den jüngsten Studien der InterAcademy-Partnership (IAP) – dem Verbund der Akademien der Welt - über zukünftige Forschungsprioritäten im Bereich Landwirtschaft, Ernährungssicherheit und Ernährung für Afrika, Asien, Amerika und Europa bildet eine Grundlage.

-      Es bedarf einer zukunftsorientierten Perspektive der Ernährungssysteme, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Auf neu auftretende Gefahren und Risiken wurde hinweisen, insbesondere im Zusammenhang mit Mangelernährung, Lebensmittelsicherheit, Klimawandel und den möglichen politischen und anderen Instrumenten, die zu ihrer Bewältigung zur Verfügung stehen. Diese zukunftsorientierten Perspektiven sollten Veränderungen in der Demografie, den Wirtschaftsstrukturen, den Ernährungsmustern und anderen Faktoren berücksichtigen.

-      Die nationalen Regierungen müssen eine stärkere Nutzung multisektoraler und multidisziplinärer länder-spezifischer Partnerschaften anstreben, um diesen immer komplexere und anspruchsvolleren Bereich der Lebensmittelsicherheit zu reformieren. Ein Ad-hoc- oder "Notfall"-Ansatz zur Bekämpfung von Ausbrüchen und Problemen im Zusammenhang mit unsicheren Lebensmitteln ist kein Ersatz für ein systematisches, präventives und proaktives Vorgehen. Die nationalen Regierungen müssen nicht nur öffentliche Ausgaben, sondern auch einheimische Ressourcen und Akteure mobilisieren, um nachhaltige Strategien zur Lebensmittelsicherheit umzusetzen und durchzusetzen.

-      Der Privatsektor ist ein wichtiger Partner, der sicherstellt, dass die Lebensmittelsysteme bei Anbau, Verarbeitung und Verteilung von Lebensmitteln umfassend, verantwortungsbewusst, sicher und produktiv sind. Um dies verantwortungsbewusst und nachhaltig zu gewährleisten, bedarf es eines Gleichgewichts zwischen Anreizen und Regulierung - Anreize für Unternehmen, ein günstiges förderliches Umfeld, Verbraucherbildung und -nachfrage, fiskalische Maßnahmen und direkter Druck sowie Rechenschaftspflicht gegenüber Verbrauchern, Basisorganisationen, Mitarbeitern und Investoren. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Verbesserung der Lebensmittelsicherheit durch bedeutende Beiträge auch der Privatwirtschaft zur Erfüllung der öffentlichen und marktwirtschaftlichen Anforderungen erreicht wird. "Pull-Ansätze", bei denen die Verbrauchernachfrage nach sicheren Lebensmitteln genutzt wird, ist der wichtigste Hebel für Verbesserungen, indem sie den Privatsektor veranlassen, auf diese Nachfrage zu reagieren.

-      Regierungen in Entwicklungsländern können mehr in die Lebensmittelsicherheit investieren, müssen aber auch intelligenter investieren. Das bedeutet, mit einem klaren Ziel basierend auf Risikoanalysen zu investieren; mit öffentlichen Investitionen private Investitionen zu hebeln; informelle Lebensmittelvertriebskanäle, die einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen dienen, nicht zu vernachlässigen; und die Auswirkungen von Interventionen zu messen.

-      Die Koordinierung der Agenden für die Bekämpfung von Mangelernährung und ernährungsbedingten nichtübertragbaren Krankheiten ist daher dringend erforderlich und muss eine Veränderung von Denken und Handeln bedeuten. Erstens muss die Betonung der persönlichen Verantwortung für die Wahl der Ernährung durch sinnvolle Veränderungen in der gesamten Lebensmittelumgebung, die eine gesunde Wahl ermöglichen, komplementiert werden. Zweitens muss die Kontrolle, die die Industrie über die Lebensmittelversorgung hat, durch angemessene politische Interventionen begrenzt werden, die den Erfordernissen der öffentlichen Gesundheit entsprechen. Bisher sind klare und umsetzbare Etikettierung, Neuformulierung von Lebensmitteln, Werbekontrollen und steuerliche Maßnahmen sind alle unzureichend genutzt und bieten erhebliche Möglichkeiten zur Verbesserung gesunder Ernährung.

-      Das Verständnis aller Aspekte nationaler Lebensmittelsysteme ist wichtig, insbesondere in Ländern in den frühen Phasen der Transformation, damit wir Hot Spots von unsicheren Lebensmitteln identifizieren können. Unsichere Lebensmittel treffen die Ärmsten am stärksten, und das muss durch staatliche Maßnahmen, sowie durch die Aufmerksamkeit der Unternehmen und die Zivilgesellschaft überwunden werden.

-      Es besteht, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ein großes Potenzial zur Verringerung von Nahrungsmittelverlusten und -verschwendung durch verbesserte Kapazitäten, die auf Nach-Ernte Management abzielen. Dazu gehören der Umgang mit Lebensmitteln, Hygiene-Praktiken, sicheres Ernte- und Nachernte-Handling von Obst und Gemüse, die Verwendung von scharfen Werkzeugen und geeigneten, leicht zu desinfizierenden Behältern (z.B. Waschen von Kunststoffkästen) sowie die Kühl- und Kaltlagerung, die gemeinsam Verschwendung und durch Lebensmittel übertragbare Krankheiten reduzieren können. Es besteht die dringende Notwendigkeit, die Bereitstellung nachhaltiger und wirksamer Mittel zur Lagerung landwirtschaftlicher Erzeugnisse durch und für Kleinbauern zu beschleunigen.

-      Die Herstellung, Verarbeitung und Vermarktung von unsicheren Lebensmitteln können den Verlust und die Verschwendung von Lebensmitteln fördern. Die Überwachung von Nahrungsmittelverlusten und -verschwendung erfordert aber eine viel bessere Messung. Messung der Verluste und Verschwendung als Summe des Gewichts berücksichtigt weder die großen Unterschiede im wirtschaftlichen Wert noch in der Nährstoffqualität verschiedener Lebensmittel. Internationale Organisationen können diese Messstandards verbessern.

-      Allgemeiner müssen sichere und nahrhafte Lebensmittel durch bessere Finanzierung, Investitionen und ein günstigeres Umfeld leichter verfügbar und erschwinglich gemacht werden. Es wächst der Konsens darüber, dass die Lebensmittelsysteme in ihrer jetzigen Form diese Nahrungsmittel nicht liefern können und dass die Regierungen eng mit den Verbrauchern und dem Privatsektor – vom Erzeuger bis zum Verbraucher – zusammenarbeiten müssen, um die Erschwinglichkeit, Nachfrage und Zugänglichkeit sicherer nahrhafter Lebensmittel für alle zu verbessern. Ansätze zur Verhaltensänderung, die sich auf die Verbesserung der Ernährungsqualität in Bevölkerungsgruppen mit einer hohen Prävalenz von Mangelernährung konzentrieren, werden scheitern, wenn nicht gleichzeitig Probleme des physischen Zugangs und der Erschwinglichkeit angegangen werden.

-      Die Anreicherungen von Lebensmitteln (Food-Fortification) wurden in vielen Ländern erfolgreich eingesetzt, um die Lücke zwischen Mineral- und Vitaminbedarf und -aufnahme zu schließen. Mit Blick auf die Zukunft erkennen heute viele an, dass die Landwirtschaft auch eine grundlegende Verantwortung dafür trägt, Lebensmittel mit einem hohen Gehalt an diesen Mineralien und Vitaminen (Bio-fortification) zu niedrigeren Kosten herzustellen, um die nationale Gesundheit zu sichern. Bio-fortification kann zusammen mit Food-Fortification zur verbesserten Gesundheitswirkung von Lebensmitteln beitragen.

-      Die Regierungen benötigen qualitativ hochwertige und harmonisierte Daten und Indikatoren über Fortschritte und Ergebnisse, um Programme zu entwickeln, umzusetzen und zu überwachen, die darauf abzielen, einen gleichberechtigten Zugang zu einer erschwinglichen und qualitativ hochwertigen Ernährung zu ermöglichen.

-      Bemühungen zur Beseitigung von Mangelernährung in all ihren Formen müssen ein tiefes Verständnis für die potenziellen künftigen Auswirkungen der Nahrungsmittelproduktion, des Handels und der Verteilung auf die Nutzung natürlicher Ressourcen und die Umwelt beinhalten, damit nationale und globale Politiken für die Zukunft gewappnet sind. Nachhaltig produzierte, sichere und nahrhafte Lebensmittel sind für einen gesunden Planeten unerlässlich.

Empfehlungen

Wir fordern die Regierungen und den Privatsektor sowie zivilgesellschaftliche Interessengruppen auf, skalierbare und praktische Lösungen zu finden, die die zentrale Rolle sicherer Lebensmittel und gesunder Ernährung für die Ziele der nachhaltigen Entwicklung widerspiegeln, und die besonders große Belastung der Armen durch unsichere und ungesunde Lebensmittel zu überwinden:

1.     Die Regierungen müssen besonders darauf achten, die hohen Kosten schwacher nationaler Lebensmittelkontrollsysteme für Gesundheit und Ernährung der Verbraucher sowie für die Wirtschaft zu bekämpfen und grenzüberschreitende Fragen anzugehen. Wissen und Maßnahmen in den Bereichen Lebensmittelsicherheit und gesunde Ernährung müssen im Mittelpunkt der Information der Öffentlichkeit stehen, auch in den Bildungssystemen. Die Regierungen sollten einen vierteiligen Ansatz verfolgen: behandeln, verhindern, fördern und regulieren. Erschwingliche und nachhaltige Lebensmittelsicherheitssysteme können sich nicht nur auf ein relativ kostenintensives Modell von Inspektionen, Endproduktprüfung und Sanktionen bei Verstößen verlassen. Sie müssen mehr Gewicht darauf legen Anreize zu schaffen und die Compliance in der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie zu fördern durch Regulierungen und sichere Betriebspraktiken sowie durch stärkere Mechanismen zur Erhöhung der öffentlichen Rechenschaftspflicht.

2.     Es ist dringend geboten, die Gesundheit der Verbraucher besser zu schützen, die von informellen Lebensmittelmärkten abhängig sind, und damit dem Risiko unsicherer und minderwertiger Diäten ausgesetzt sind.

3.     Unternehmen müssen diesen Aufforderungen nachkommen. Um dies zu ermöglichen, sind sowohl positive als auch negative Anreize erforderlich, die es den Unternehmen erleichtern, mehr für eine gesunde Ernährung zu tun. Wir werden weiterhin Gelegenheiten verpassen, die Ernährung voranzubringen, wenn wir nicht mit den Unternehmen über ihre Prioritäten, Treiber und Kultur sprechen und mit ihnen zusammenarbeiten, um bessere Rahmenbedingungen zu schaffen die gesunde Lebensmittel besser verfügbar, zugänglich, erschwinglich und attraktiv machen. Die Bemühungen, kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) einzubeziehen, sind dabei genauso wichtig wie bei Großunternehmen. Die Bemühungen müssen auch die Unterstützung von KMU bei der Modernisierung ihrer Prozesse in den Bereichen Lebensmittelverarbeitung, Herstellung und Qualitätsmanagement umfassen.

4.     Die sich abzeichnenden Erkenntnisse über die Art und Weise, wie die sich wandelnden Ernährungssysteme zu einer doppelten Belastung durch Unter- und Mangelernährung führen, können von den Ländern genutzt werden, um Maßnahmen zur Begrenzung der ansteigenden Adipositas zu ergreifen, bevor es zu spät ist. Mehrere Länder haben gezeigt, dass steuerliche Maßnahmen dazu beitragen können, den Verbrauch ungesunder Produkte zu senken. Weitere vielversprechende politische Maßnahmen sind Warnhinweise auf der Vorderseite der Verpackung, Beschränkungen für die Vermarktung an Kinder und Vorschriften für Lebensmittel und Getränke in Schulen.

5.     Der Privatsektor muss sich zu Lebensmitteln verpflichten, die aus verantwortungsvollen Lieferketten stammen, d.h. Zutaten kaufen und in einer Weise verarbeiten, die nachhaltig, transparent und respektvoll für Mensch, Tier und Umwelt ist.

6.     Wissenschaftler aus allen relevanten Forschungsbereichen sind aufgerufen, die Forschung zu Lebensmittelsicherheit und gesunder Ernährung im oben definierten Sinne zu erweitern. Es fehlen Belege für die Belastung von Lebensmitteln und deren Auswirkungen, insbesondere noch näher zu klärende, aber potenziell große Auswirkungen durch Gefährdungen wie Toxoplasmen, Pestiziden und Mykotoxinen, und es fehlen Informationen über kosteneffektive Maßnahmen. Ein besonderes Thema sind Umfang und Auswirkungen von Aflatoxinen, über die die Teilnehmer des Workshops unterschiedliche Auffassungen vertraten, sich aber einig waren, dass eine bessere Überprüfung und Präventionsmaßnahmen erforderlich sind.

7.     Es ist notwendig, mehr Programme zur Lebensmittelsicherheit einzurichten, die Frauen das Wissen und die Werkzeuge vermitteln, um möglichst sichere und nahrhafte Lebensmittel für ihre Kinder herzustellen und zuzubereiten.

8.     Die Förderung der Lebensmittelsicherheit und die Aufklärung der Verbraucher und Kleinerzeuger ist von wesentlicher Bedeutung. Wir nehmen zur Kenntnis, dass die WHO-Kampagne „Fünf Schlüssel zu sichereren Lebensmitteln“ in über 130 Ländern eingesetzt wurde und weiterhin die Stärkung der Verbraucher fördert, sowie die Unterstützung der FAO bei der Entwicklung der Kapazitäten der Mitgliedstaaten für ein effektives Management der Lebensmittelsicherheit und -qualität durch das Bereitstellen von wissenschaftlicher Beratung und Trainingsinstrumenten.

9.     Wir fordern die Unterstützung der Bemühungen der WHO und FAO mit ihren Partnern durch eine Reihe von internationalen Konferenzen im Jahr 2019 zur Verbesserung der Lebensmittelsicherheit und gesunden Ernährung und fordern spezifische Maßnahmen mit einem klar definierten Zeitplan und verantwortlichen Akteuren.

Die Ko-Vorsitzenden der Tagung danken der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften für die Ausrichtung des Treffens und äußerten besondere Anerkennung für José Graziano da Silva, FAO-Generaldirektor, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, WHO-Generaldirektor, und Bischof Gallagher, Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten im Vatikanischen Staatssekretariat, dafür, dass sie sich dieses Themas angenommen und sich verpflichtet haben, diese Ergebnisse in ihren globalen Engagements im Jahr 2019 zu nutzen.

Eine gesunde Ernährung in einer Weise zu erreichen, die Menschen und den Planeten schützt, ist ein moralischer Imperativ für die Menschheit, und wir laden alle Glaubensgemeinschaften und Personen, die guten Willens sind, eindringlich zur Zusammenarbeit ein, um dieses Anliegen zu unterstützen.

Unterzeichnet von:

Prof. Joachim von Braun | Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften

Dr. Marcelo Sánchez Sorondo | Bischof-Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften

Dr. Lawrence Haddad | Geschäftsführer, Globale Allianz für eine verbesserte Ernährung (Global Alliance for Improved Nutrition, GAIN)

Dr. Jessica Fanzo | Bloomberg Distinguished Associate Professor of Global Food and Agriculture Policy and Ethiks, Johns Hopkins Universität

International Livestock Research Institute (ILRI)

Prof. J. David Miller | Fachbereich Chemie, Carleton University

Prof. Dr. Jakob Zinsstag-Klopfenstein | Stellvertretender Leiter, Abteilung für Epidemiologie und öffentliche Gesundheit, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut

Dr. Steven Jaffee | Leitender Agrarökonom, Weltbank

Dr. Rosa S. Rolle | Senior Enterprise Development Officer, FAO

Dr. Pawan Agarwal | Geschäftsführer, Behörde für Lebensmittelsicherheit und Standards in Indien

Greg S. Garrett | Direktor für Lebensmittelpolitik und Finanzen, GAIN

Dr. Emorn Udomkesmalee | Co-Vorsitzender der Internationale Expertengruppe des Global Nutrition Report

Dr. Howarth Bouis | Vorstandsvorsitzender von HarvestPlus

Dr. Lynnette Neufeld | Direktorin für Knowledge Leadership, GAIN

Dr. Juan Rivera | Direktor des Mexikanischen Instituts für öffentliche Gesundheit (INSP)

Vinita Bali | Vorstandsvorsitzender, GAIN

Dr. Klaus Kraemer | Geschäftsführer der Sight and Life Stiftung von DSM

Dr. Renata Clarke | Direktorin für Lebensmittelsicherheit, FAO

Rabbiner Awraham Soetendorp | Präsident und Gründer des Jacob Soetendorp Instituts für menschliche Werte

Erzbischof Bernard Ntahoturi | Persönlicher Vertreter des Erzbischofs von Canterbury beim Heiligen Stuhl und Direktor des Anglikanischen Zentrums in Rom

Kathryn Dewey, PhD. | Professorin Emerita, Abteilung für Ernährung, Universität von Californien, USA

Prof. Dr. em. Hans K. Biesalski | Abteilung für Biologische Chemie und Ernährung, Universität Hohenheim, Deutschland

Mauricio Adade | Weltweiter Geschäftsführer von Partnerschaften und Programmen zur globalen Mangelernährung (Global Malnutrition Partnerships & Programs) sowie Direktor für Lateinamerika von Koninklijke DSM, Niederlande

Tom Arnold | Vorstandsmitglied, GAIN & Chair, Task Force der EU-Kommission für das ländliche Afrika. Irland

Sir Gordon Conway | Professor für Internationale Entwicklung, Imperial College, London

Mathias Mogge | Generalsekretär, Deutsche Welthungerhilfe e. V. Bonn, Deutschland

David Nabarro | Direktor für strategische Angelegenheiten bei Fähigkeiten, Systeme & Synergien für nachhaltige Entwicklung (Skills, Systems & Snyergies for Sustainable Development, 4SD) und Preisträger des World Food Prize 2018

Lucy Sullivan | Geschäftsführerin von 1,000 Days

 

Endnotizen:

[1] http://www.pas.va/content/accademia/en/events/2018/food.html

[2] WHO-Schätzung der globalen Belastung durch lebensmittelbedingte Krankheiten, 2015

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